Kreutzersonate

 

 

Die Sechs Sonaten für Violine und Cembalo gelten als Bachs bedeutendster Kammermusikzyklus. Man kann sie als sein kammermusikalisches Vermächtnis bezeichnen, mit dem eine neue Zeit der Kammermusik eingeläutet wird. Das Tasteninstrument löst sich erstmalig aus der Rolle der Begleitung als Basso continuo und wendet sich der Violine als gleichberechtigter Partner zu. Jede der sechs Sonaten hat ihre eigene Ausdruckswelt und ist in jeder Beziehung vollendet.

Anton Webern hat als Schüler Arnold Schönbergs dessen dodekaphonische Reihentechnik übernommen und weitergeführt. Zu dieser Technik bilden die Vier Stücke für Violine und Klavier eine Vorstufe noch in freier Atonalität. Die Aussage wird hier auf knappsten zeitlichen Raum konzentriert. Es ist in einer Zeit, in der Richard Strauss noch den Rosenkavalier komponierte, ungehörte Musik, um nicht zu sagen unerhörte Musik.

Obwohl Ravel eigentlich der Meinung war, dass Klavier und Violine unvereinbare Instrumente seien, hat er in seiner Sonate für Violine und Klavier (1923-1927) eine Überhöhung angestrebt, in der die Unterschiede zwischen Geige und Klavier zugleich den singulären Sinn der Instrumentalfarbe des Komponisten zur Geltung kommen lassen. Ravels Sonate bildet mit jener Debussys den wichtigsten französischen Beitrag zu dieser Gattung im 20. Jahrhundert.

Wie alle »Violinsonaten« von Mozart und Beethoven ist die Kreutzersonate »für Pianoforte und Violine« geschrieben, nicht für »Violine und Klavier«. Diese Bezeichnung kam erst später in der »Romantik« auf. Laut dem ersten bedeutenden Beethoven-Biographen, Alexander Wheelock Thayer, soll der Uraufführungsgeiger George Bridgetower eine von Beethoven sehr geschätzte Dame derart beleidigt haben, dass Beethoven außerordentlich erzürnt war. So wurde das Werk dem französischen Star- Violinisten Rodolphe Kreutzer gewidmet, der es aber nie gespielt hat, weil er es eigentlich für unspielbar hielt.

Graf Leo Tolstoj nimmt in seiner Novelle Die Kreutzersonate Bezug auf Beethovens Komposition. In der Novelle widmet sich Posdnyschews Frau ihren persönlichen Neigungen, besonders dem Klavierspiel. Ihr Mann argwöhnt, dass sie nach einer neuen Liebe Ausschau hält, und er vergeht vor Eifersucht, wenn sie in dem gemeinsamen Haus mit dem Geiger Truchatschewskij musiziert, unter anderem Beethovens Kreutzersonate. So kommt es zur Zuspitzung des Ehekonflikts, in welchem er die vermeintliche Ehebrecherin tötet.

Peter Tonger