Naturereignisse

 

 

Naturerlebnis im weitesten Sinne des Wortes ist die Quelle der in diesem Programm vereinigten Werke. Franz Schreker hatte mit der konzertanten Premiere seiner ersten Oper Flammen in Wien Aufsehen erregt. Fortan war sein Name in aller Munde. Eine Folge seines beginnenden Ruhmes war die Eröffnung der Kunstschau der Wiener Secession mit seiner Tanzpantomime Der Geburtstag der Infantin durch die Tänzerin Grete Wiesenthal. Die bedeutende Künstlerin gab ihm unmittelbar danach einen weiteren Auftrag für ein Tanzstück: Und so entstand das allegorische Tanzspiel Der Wind. Changieren zwischen den Tonarten, Weiträumigkeit der Linie, eigenwillige, sich gleichsam windende melodische Linien. Meisterhaft ist die Instrumentierung, die in quasi-orchestralen Mischungen aus Streicher- und Bläserklängen der Darstellung des Windes nichts schuldig bleibt. Nach einer etwas abschätzigen Äußerung seines späteren Schülers Ernst Krenek beruhen Schrekers Erfolge nicht nur auf der “beunruhigenden Morbidität der Stoffe”, sondern auch auf der Suggestionskraft der Musik: “Die Musik, in die Schreker seine Tagträume einer verlängerten Pubertät kleidete, war dementsprechend schwelgerisch, von Klangfülle übersättigt, eine Art aufgebauschter Kreuzung von Debussy und Puccini mit einer Spur von modernistischem Wiener Raffinement.”

Während Schreker in Der Wind Naturgeräusche durch interessante Instrumentation musikalisch nachbildete, ging es Brahms darum, romantisches Naturerleben als Quelle seiner Musik zu sehen und darin zum Ausdruck zu bringen. Das Horntrio entstand in einer Zeit des Schmerzes über den Tod seiner Mutter, der er sich sehr verbunden fühlte. Auf einem seiner geliebten morgendlichen Waldspaziergänge während eines Sommeraufenthaltes in Lichtenberg bei Baden-Baden kam ihm das Thema des ersten Satzes in den Sinn, in das er ganz und gar verliebt war, wie sein Biograph Max Kalbeck beschreibt.

Romantisches Naturerleben ist auch aus dem im Jahr 2000 entstandenen Sextett von Krzysztof Penderecki zu hören. „Ich bin doch ein slawischer Komponist, dem es um die Übermittlung des eigenen Gefühls, des Ausdrucks geht; die Claritas in der Konstruktion ist sehr wichtig, aber ich habe keine Angst vor der persönlichen Note”, hat er in einem Interview gesagt; und an anderer Stelle: „In der Kammermusik erkennt man die eigentliche Größe eines Komponisten; sie ist wie eine Entblößung: Wenn einer nichts zu sagen hat, hört man es sofort.”

Peter Tonger