Erlebt - Gefallen - Überlebt

 

 

Die Komponisten dieses Programms haben den Ersten Weltkrieg erlebt, jeder auf seine Weise und einige haben ihn nicht überlebt. Der Wiener Geiger und Komponist Fritz Kreisler wurde vom Ausbruch des Krieges anlässlich einer Tour durch Amerika überrascht. Erst nach dem Krieg kehrte er nach Europa zurück. Seine wohl bekanntesten Kompositionen sind die beiden Salonstücke Liebesleid und Liebesfreud. Aber seine Kadenzen zu den Violinkonzerten von Beethoven und Brahms gehören heute noch zu den meistgespielten.

Viele Komponisten sind dagegen in jungen Jahren, bevor sie sich künstlerisch richtig entwickeln konnten, dem Weltkrieg zum Opfer gefallen. So die beiden englischen Komponisten William Denis Browne und George Butterworth sowie der Australier Frederick S. Kelly. Browne fiel in der Seeschlacht um die türkische Stadt Gallipoli. Auf demselben Schiff wie Browne war auch Kelly im Einsatz, überlebte aber die Schlacht, nur um später in der Schlacht an der Somme zu fallen. Dort kam auch Butterworth ums Leben. Auf deutscher Seite traf dieses Schicksal den Komponisten Rudi Stephan, der an der ukrainischen Front fiel. Wie Butterworth gehörte er zu den vielversprechendsten Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts.

Claude Debussys Sterbejahr 1918 ist nicht weltkriegsbedingt. Er ist nach langem Leiden an Darmkrebs gestorben. Zu seinem körperlichen Leiden kam allerdings noch sein tiefes seelisches Leiden am Weltkrieg hinzu. Aus diesem Leiden heraus schrieb er das Lied Noël des enfants qui n‘ont plus de maison (Weihnachten der Kinder, die kein Zuhause mehr haben). Auch der Text, eine Anklage an den Krieg, der den Kindern Vater und Mutter genommen hat, das Zuhause, die kleinen Betten und die Spielsachen, stammt von Debussy selbst.

Bleibt noch Ralph Vaughan Williams. Er diente ebenfalls als Soldat in Frankreich. Durch den Geschützlärm kam er mit einer Schädigung des Gehörs davon, was in späteren Jahren allerdings zu seiner Ertaubung führte. Vaughan Williams kann als der geistige Ziehvater seiner englischen Kollegen dieses Programms angesehen werden. Sie hatten alle mit ihm zu tun und haben von ihm gelernt. Vaughan Williams gilt heute als Schöpfer einer spezifisch englischen Musiksprache, mit der er der ihm nachfolgenden Generation, aus der Benjamin Britten herausragt, den Weg bereitete. Dazu gehört auch seine intensive Forschung auf dem Gebiet des englischen Volksliedes, wobei er hier von George Butterworth begleitet wurde. Etwas von dieser Volksliedbegeisterung ist auch in seinem Klavierquintett zu spüren.

Peter Tonger