Früh vollendet - Unvollendet

 

 

Kaum auszudenken, was aus Mozart und Schubert hätte werden können, hätten sie länger gelebt. Eine Steigerung, eine Fortentwicklung in die Zeit der Hochromantik ist kaum denkbar. Daher wollen wir sie als früh vollendet ansehen, während Guillaume Lekeu und Lili Boulanger zur Zeit ihres frühen Todes noch zu großen Hoffnungen berechtigten und daher als unvollendete Geister angesehen werden müssen.

Schubert war kein konzertierender Virtuose wie Mozart oder Beethoven, die besonders auch für den eigenen Gebrauch Klavierkonzerte komponierten. Infolge seiner virtuosen Enthaltsamkeit sah sich Schubert auch nicht veranlasst, Klavierkonzerte zu schreiben. Aber für den Hausgebrauch mit reduzierter Streicherbesetzung zu schreiben, dafür gab es im Kreise seiner Familie und Freunde durchaus Bedarf. Sein Adagio und Rondo concertante kann daher als kammermusikalisches Klavierkonzert bezeichnet werden.

Zu großen Hoffnungen berechtigte der im Alter von 24 Jahren verstorbene Guillaume Lekeu. Seine Kammermusikwerke gehören zu seinen ambitioniertesten Kompositionen überhaupt. Unter dem spürbaren Einfluss seines Lehrers César Franck hatte er an der Fertigkeit gewonnen, seine Motive sorgsam zu entwickeln und sie einer ausgefeilten Variationstechnik zu unterziehen. Immerhin wurde das Klavierquartett von dem berühmten belgischen Geiger Eugène Ysaÿe in Auftrag gegeben.

Lili Boulanger war die jüngere Schwester der berühmten Kompositionslehrerin Nadia Boulanger, die unter anderem Aaron Copland, Roy Harris, Astor Piazzolla und Philip Glass unterrichtete. Lili hatte als Komponistin gerade mal 10 Jahre ihres tragisch kurzen Lebens Zeit, – sie starb mit 25 – ihre Musik zu entwickeln. Diese steht in der Hauptlinie der französischen Musik, die mit Gabriel Fauré veranschaulicht werden kann.

Zur Zeit, als Mozart seine beiden Klavierquartette komponierte, 1785/86, waren Kompositionen für Klavier mit Streichinstrumenten, also in erster Linie Violinsonaten und Klaviertrios, einerseits für Klavier spielende, dilettierende Damen der Gesellschaft gedacht, andererseits für Klavier schon recht anspruchsvoll geschrieben, während den Streichinstrumenten eher eine begleitende Funktion zugedacht war. Beide Quartette gehören dagegen zu den tiefsinnigsten, anspruchsvollsten Kammermusikwerken des früh Verstorbenen.

Peter Tonger