Komponisten zum Jubiläum in der Saison 2018/19

Wertes Publikum,

bei der großen Zahl von Komponisten, die in unseren Programmen in Erscheinung treten, erscheint es zwangsläufig, dass auch etliche mit einem runden Geburts- oder Todestag darunter sind. Von diesen stechen mit großem Namen Felix Mendelssohn Bartholdy und Claude Debussy hervor; aber auch den weniger bekannten oder vergleichsweise unbekannten wollen wir einen kurzen Augenblick besonderer Aufmerksamkeit schenken. Der Zeitraum, der für diese Gedenktage in Frage kommt, erstreckt sich von Herbst 2018 bis Sommer 2019. Da ich mit der Erwähnung der einzelnen Komponisten keine Wertung vornehmen möchte, gehe ich dabei in der Reihenfolge der Gedenktage chronologisch vor und beginne mit François Couperin (1668-1733), von dem man nicht viel weiß, obwohl er immerhin als einer der bedeutendsten französischen Organisten, Cembalisten und Komponisten z. Zt. Ludwigs XIV. gilt und Hofkomponist des Königs war. Es gibt keine Briefe von ihm, keine Berichte von irgendwelchen Reisen. 1668 geboren, entstammte er einer weitverzweigten Pariser Musikerfamilie, die den Anspruch auf das Organistenamt an St. Gervais in Paris hatte. Nach dem frühen Tod seiner älteren Brüder war François an der Reihe, der mit 18 Jahren dieses Amt schließlich übernehmen konnte.1693 erhielt er zusätzlich die Stelle des Organisten an der Königlichen Kapelle in Versailles, wobei er sich gegen sieben andere Kandidaten durchsetzen musste; es war eine Marotte des Königs, den Kandidaten anschließend drei Tage im Ungewissen zu lassen. Wir gedenken heuer seines Geburtstages vor 350 Jahren.

Mag dem Einen oder Anderen der Name Couperin aus frühem Klavierunterricht bekannt geworden sein, so zählt Marin Marais (1656-1728) sicher zu den heute gänzlich unbekannten Komponisten. Marais war in äußerst bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen und wurde zu einem der bedeutendsten Musiker am Hofe des Sonnenkönigs Ludwig XIV. nicht nur als Virtuose, sondern auch als Komponist. Er war zu seiner Zeit ein gefeierter Gambenspieler, der von seinen Zeitgenossen als »Engel der Gambe« bezeichnet wurde. Sein Lehrmeister, der weltberühmte Gambist Monsieur de Saint Colombe, erklärte sogar, dass der junge Marin Marais wohl niemals jemanden finden werde, der es ihm auch nur annähernd gleichtun könne. Dennoch strebte Marais danach, seine Kunst zu vervollkommnen und soll, wie ein gewisser Evrard Titon du Tillet berichtet, sich heimlich unter eine Holzhütte geschlichen haben, die sich Saint-Colombe in seinem Garten in den Ästen eines Maulbeerbaumes errichtet hatte, wo er ruhiger und angenehmer Gambe spielen konnte. Marais hörte dort seinem Lehrer heimlich zu und profitierte von einigen besonderen Passagen und Bogenstrichen, wie sie die Meister der Kunst gerne für sich behalten hätten. Seit Marais‘ Todestag sind 290 Jahre vergangen.

Auch in der folgenden biographischen Notiz geht es um einen höfischen Komponisten: Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788). Nachdem sein ältester Bruder, Wilhelm Friedemann, der Sitte und der eigenen Neigung folgend, des Vaters berufliche Laufbahn eingeschlagen hatte, fand der Thomaskantor für seinen zweiten Sohn Carl Philipp Emanuel eine akademische Karriere angemessen: Das Studium der Jurisprudenz erschien passend, genau wie eine Generation zuvor für Georg Philipp Telemann, den Patenonkel Philipp Emanuels. Und genau wie sein Pate Telemann fand auch der Bachsohn seine Nebenbeschäftigung: mehr als das eigentliche Fach beschäftigte ihn während des Jurastudiums die Musik. Der Musikschriftsteller Friedrich Rochlitz schreibt in einer frühen Biographie über C.Ph.E.Bach: »In Frankfurt/Oder gab es fast nichts an Musik. Emanuel musste alles erst schaffen.« Und wie C.Ph.E.Bach in seiner Autobiographie berichtet, dirigierte und komponierte er »alle damals vorfallenden öffentlichen Musiken bey Feyerlichkeiten«. Nur wenige Jahre später wurde er als Cembalist in die Kapelle des Kronprinzen Friedrich von Preußen und nach dessen Krönung zum Conzertcembalisten in der Hofkapelle Friedrichs II., des Großen berufen. Sein Todestag liegt 230 Jahre zurück.

Mit Felix Mendelssohn Bartholdy wenden wir uns vom höfischen ins bürgerliche Musikleben. Mendelssohn wurde in eine geistig und künstlerisch aufgeschlossene Familie geboren, erhielt Unterricht in mehreren Sprachen, Zeichnen, Violine, Klavier und Komposition, letzteres bei dem Goethefreund Carl Friedrich Zelter, auf dessen Anregung er fast 80 Jahre nach Bachs Tod zum ersten Mal wieder die Matthäus-Passion aufführte. Er unternahm Kunstreisen durch die kulturellen Zentren in ganz Europa. 1835 bis zu seinem Tod leitete er das Gewandhausorchester in Leipzig, das erste bürgerliche Sinfonieorchester im deutschsprachigen Raum. Das Orchester hatte mit Ferdinand David einen der bedeutendsten Geiger seiner Zeit als Konzertmeister, der u.a. Mendelssohns Violinkonzert e-Moll uraufführte. Zwischen 1841 und 1844 war Mendelssohn noch einmal in höfischen Dienst getreten und war vom Preußenkönig F.W.IV in Berlin zur Reorganisation des dortigen Musiklebens engagiert worden. Wenige Monate nach dem Tod seiner geliebten Schwester Fanny starb er 1847. 2019 begehen wir seinen 210. Geburtstag.

Zehn Jahre jünger als Mendelssohn, genoss Clara Schumann (1819-1896), geb. Wieck, eine exklusive künstlerische und umfassende humanistische Privaterziehung bei ihrem Vater, Friedrich Wieck. Als 16-jährige komponierte sie ihr Klavierkonzert op. 7, das Mendelssohn am 9. November 1835 im Leipziger Gewandhaus uraufführte. Die Heirat mit Robert Schumann musste sie 1840 gerichtlich erstreiten. Nach der Geburt von acht Kindern, von denen sieben überlebten, und nach Roberts Tod stellte sie das Komponieren ein, um sich ausschließlich ihrer Solokarriere zu widmen, die sie in alle Kunstzentren Europas führte, mit Höhepunkten in England. 1878 nahm sie eine Stelle am Hochschen Konservatorium in Frankfurt a.M. an, was ein bisschen den Druck von ihr nahm, mit ausschließlicher Konzerttätigkeit ihr Geld verdienen zu müssen. Ihres 200. Geburtstages gedenken wir im Jahr 2019.

Jean Cras (1879-1932), auch alles andere als ein bekannter Komponist, machte zunächst einmal in einem unmusischen Beruf Karriere, nämlich als Marineoffizier. Das lag nahe, da sein Vater beruflich Chefarzt der französischen Marine war und beide Eltern als große Musikliebhaber eine entsprechende Atmosphäre im Hause verbreiteten. So begann der Knabe schon früh Klavier zu spielen und erste Kompositionen vorzulegen; aber zur Sicherheit wurde er erst einmal auf die Marineschule geschickt, wo er seine freie Zeit allerdings hauptsächlich mit Musizieren und Komponieren verbrachte. Als Marineoffizier brachte er es bis zum Konteradmiral und als solcher zum Generalmajor des Kriegshafens von Brest. Während seiner Zeit als Kommandeur verschiedener Schiffe nahm er stets ein Klavier mit an Bord, um, wie er sich ausdrückte, einer inneren Stimme zu gehorchen, die ihn zum Komponieren anregte. Sein originelles Leben begann vor 140 Jahren.

Ähnlich wie Jean Cras wuchs auch Francis Poulenc (1899-1963) in gut behütetem großbürgerlichem Elternhaus auf. Von der Mutter erhielt er ersten Klavierunterricht, den er später bei dem bedeutenden spanischen Pianisten Ricardo Viñes, der Werke von Ravel und Debussy zur Uraufführung brachte, fortsetzte. Um das Konservatorium machte er einen großen Bogen, schloss sich lieber der Gruppe Les Six an, deren Mitglieder weniger ein ästhetisches Programm verband als vielmehr die gemeinsame Ablehnung der romantischen Musik, die Abwendung vom musikalischen Impressionismus Claude Debussys und die Hinwendung zu zeitgenössischen Formen der Unterhaltungsmusik, z. B. Jazz, Varieté- und Zirkus-Musik. Ernsthaften Kompositionsunterricht erhielt er erst später von Charles Koechlin.

Sein 120. Geburtstag steht bevor. Mit Claude Debussy (1862-1918) beginnt ein neuer Abschnitt der Musikgeschichte. Für seinen Kompositionsstil hat man, der damals aktuellen Malerei entsprechend, den Begriff Impressionismus gewählt. Dennoch geht es in dieser Musik nicht um die »Impression« des Sichtbaren, sondern um seelische Schwingungen, die beim Anblick des Sichtbaren und bei Empfindungen des Unsichtbaren ausgelöst werden, mit spezieller Betonung des französischen Charakters. Debussy, dem ursprünglichen Wagner-Verehrer und Bayreuth-Pilger, ist dieser Weg nicht leicht gefallen, zumal er als Schüler des Pariser Konservatoriums und Rompreisträger von 1884 in der Tradition des französischen Klassizismus mit seinem strengen Regelkanon aufgewachsen war.

Sebastian Currier (geb. 1959) begann seine Karriere als Komponist in einer Teenager-Rock-Band zusammen mit seinem Bruder, aber der Rock-Einfluss auf seine klassische Produktion scheint gut versteckt zu sein. Trotzdem könnte da oder dort etwas geblieben sein. Die westliche klassische Musik ist tief im Ideal der notengetreuen Perfektion verwurzelt: Der Komponist versucht genau das niederzuschreiben, was er hören will, und der Ausführende versucht es fehlerfrei wiederzugeben. Aber wie kann dieses Ideal gegenüber Musik, wie Stein, bestehen, die ihre ästhetischen Wirkungen nicht dadurch erzielt, dass sie eine notengetreue Annäherung an das Material verlangt, sondern es in manchen Fällen sogar entmutigt?

Herzlich

Peter Tonger
1. Vorsitzender KammerMusikKöln